Rezension: Six, U., Gimmler, R., Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten, Berlin 2007

Six, U., Gimmler, R., Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung,
Berlin (Vistas) 2007, Schriftenreihe Medienforschung der LfM Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 57, 359 Seiten, ISBN 978-3-89158-459-0, 21,- Euro

Ausgangspunkt

Die Pressemitteilung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) vom: 30.08.2007 "Neue Studie der LfM stellt weitgehende Orientierungslosigkeit bei der Medienerziehung in Kindergärten fest; kaum Veränderungen zu 1997" verunsicherte im ersten Moment mich und andere, die sich - regional über die Landesarbeitsgemeinschaft Medienarbeit Berlin und bundesweit über die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur - für die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten einsetzen.

Würde unserem Bemühen um eine Verbesserung der inhaltlichen und strukturellen Voraussetzungen künftig mit dem (berechtigten?) Argument entgegnet werden können, diese Studie habe ja gezeigt, "dass das alles nichts bringt"?

Vorgeschichte

Ulrike Six und ihre Forschungsgruppe an der Universität Koblenz-Landau hatten für die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen bereits die 1998 veröffentlichte Studie "Medienerziehung im Kindergarten. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde" erstellt. Sie diagnostizierten damals erhebliche Defizite in der medienpädagogischen Ausbildung der Erzieherinnen, in den strukturellen Rahmenbedingungen und in der medienpädagogischen Praxis in den Kindergärten Nordrhein-Westfalens und leiteten daraus Empfehlungen zur Verbesserung ab. In der Folge wurden auf Landesebene einige Initiativen zur Verbesserung in den Bereichen Fortbildung und Entwicklung und Bereitstellung medienpädagogischer Materialien gestartet.

Ziele der Studie

Vor diesem Hintergrund und angesichts der erheblichen Veränderungen im Medienbereich sollte die neue Studie insbesondere folgende Fragen klären:
"Inwieweit und wie haben sich curriculare Vorgaben, institutionelle Rahmenbedingungen und Inhalte der Erzieherinnenausbildung inzwischen verändert?
Haben sich die medienpädagogische Praxis im Kindergarten und die hierfür grundlegenden Kenntnisse, Einstellungen und Problemwahrnehmungen der Erzieherinnen bezüglich Medien, kindlicher Mediennutzung und Medienerziehung verändert?"
Außerdem sollte geklärt werden, "inwieweit Fortbildungsmaßnahmen von den Zielgruppen zur Kenntnis genommen und tatsächlich auch genutzt wurden bzw. werden und welche Informations- und Praxismaterialien überhaupt rezipiert und in welchem Umfang in der Praxis verwendet werden." S.13 f

Medienkompetenzkonzept

In ihren relativ kurzen theoretischen Vorüberlegungen, Begriffsklärungen und ihrer Begründung der "Notwendigkeit medienbezogener Erziehung und Bildung" beziehen die Autoren sich auf ein eigenes Medienkompetenzkonzept mit zehn Dimensionen, die vier Hauptdimensionen zugeordnet werden. Eine Begründung, Herleitung und/oder Abgrenzung von anderen Konzepten wird hier allerdings nicht ausgeführt. In diesem Kontext wichtige Namen der Medienpädagogik wie Aufenanger, Baacke, Moser, Tulodziecki... tauchen weder hier noch im Literaturverzeichnis auf. Stattdessen wird auf eine zweite eigene Publikation von 2007 verwiesen. Dies verwundert mich schon, zumal hiermit die Basis der Autoren für die Entwicklung der Befragungsinstrumente und für die spätere Interpretation der Ergebnisse gelegt wird. Die "Hauptdimensionen" (Medienwissen und Technikkompetenz, Reflexions- und Bewertungskompetenzen, Nutzungs- und Verarbeitungskompetenzen, Spezielle Kommunikationskompetenzen) erscheinen mir schwerlich, die zehn einzelnen Dimensionen allerdings durchaus anschlussfähig an die bisher diskutierten Strukturierungsversuche.

Durchführung der Studie

Die Autoren definieren nachvollziehbar eine Grundgesamtheit von 8602 Einrichtungen, geben jedoch keine Informationen über die Gesamtzahl der dort tätigen Erzieherinnen - eine besonders für die spätere Interpretation und Bewertung einiger Ergebnisse fehlende notwendige Angabe (s.u.).
Auf der Basis der theoretischen Vorüberlegungen und Begriffsklärungen wurden differenzierte Befragungsleitfäden entwickelt, die im Anhang abgedruckt sind. Mit ihrer Hilfe wurden - ähnlich wie in der Vorgängerstudie - fünf miteinander verknüpfte Teiluntersuchungen durchgeführt:
Es wurden 550 Erzieherinnen (repräsentative Stichprobe) in standardisierten Telefoninterviews befragt, 45 themenzentrierte, persönliche Interviews und (nur) zehn leitfadengestützte Telefoninterviews mit Personen aus der Vorgängerstudie durchgeführt, die curricularen Vorgaben in Nordrhein-Westfalen analysiert und 42 Lehrkräfte aus der Erzieherausbildung in standardisierten Telefoninterviews befragt.

Ergebnisse der Studie

Die Auswertungen der komplexen Studie ergeben insgesamt "ein weitgehend enttäuschendes Resultat". Besonders hervorgehoben wird eine "auf allen Seiten feststellbare Orientierungslosigkeit" und das Fehlen eines klaren Konzepts.

Grob zusammengefasst zeigen die in der Studie differenziert dargestellten Ergebnisse u.a.:

In der Ausbildung werden medienpädagogisch relevante Themenbereiche zum großen Teil "nur ansatzweise" und zudem unsystematisch behandelt. Ein klares Konzept wird nicht vermittelt.

Dementsprechend beurteilen die Erzieherinnen ihre Qualifikation für die Medienerziehung eher skeptisch. Nur 15% halten sich "sehr gut" oder "gut" für Medienerziehung qualifiziert (S. 148).

Die Mehrheit der Erzieherinnen hat nur vage Vorstellungen davon, dass und warum Medienerziehung im Kindergarten notwendig ist und verfügt nur über ein unzureichendes Wissen über die von Kindern genutzten Medien und deren Funktionen für Kinder. Sie gehen "in erster Linie von einem Gefährdungspotential der Medien aus"(S.281).

Von sich aus regen Erzieherinnen die Kinder selten dazu an, ihre Medienerlebnisse zu erzählen und im Spiel zu bearbeiten.

Projekte oder zumindest etwas umfassendere Maßnahmen zur Medienerziehung werden kaum durchgeführt.

Über den geringen Umfang der eigenen medienerzieherischen Praxis äußerten sich über zwei Drittel unzufrieden und die Mehrheit der Erzieherinnen würde sich gerne stärker in der Medienerziehung engagieren, sieht hier allerdings zahlreiche Hemmnisse und wünscht sich Unterstützung.

85% (!) der Erzieherinnen haben in den letzten fünf Jahren an keinem medienpädagogischen Fortbildungsangebot teilgenommen.
Die Schlussfolgerung, solche Angebote würden kaum genutzt werden, erscheint mir allerdings problematisch. Die von den Autoren zu Recht beklagte Tatsache, dass nur acht der 550 Befragten an einem der beiden bundesweit bekannt gewordenen großen Fortbildungsangebote in NRW teilgenommen haben, lässt sich schlicht mit dem begrenzten Gesamtangebot an Plätzen erklären. Eine einfache Hochrechnung auf die Gesamtheit der Erzieherinnen in NRW - eine Angabe, die in der Studie fehlt - ergibt hier einen deutlichen Zusammenhang.

Empfehlungen der Studie

Auf der Basis der Ergebnisse ihrer Studie formulieren Six u.a. eine Reihe von auch für andere Bundesländer diskussionswürdigen Schlussfolgerungen und Empfehlungen, z.B.:

"In der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte von Kindertageseinrichtungen muss die Vermittlung einer umfassenden medienpädagogischen Kompetenz fest verankert und im Rahmenlehrplan explizit als Pflichtbereich enthalten sein." ... "Medienpädagogische Ausbildungsanteile dürfen in ihrem Umfang, ihrer curricularen Zuordnung und Prüfungsrelevanz sowie in ihrer inhaltlichen Breite und Ausgestaltung nicht den Ausbildungsinstitutionen und einzelnen Lehrkräften anheim gestellt werden."

"Für die bereits in der Erzieherinnenausbildung tätigen Lehrkräfte muss die Teilnahme an einer umfassenden standardisierten Fortbildung verpflichtend gemacht werden."

Für die einzelnen Kindergärten sollte ein klares medienpädagogisches Konzept als Teil der Gesamtkonzeption verpflichtend entwickelt werden

Es sollten den Einrichtungen medienpädagogisch kompetente Beratungskräfte zur Verfügung stehen.

Zusammenfassung

Meine anfängliche Befürchtung erwies sich als gegenstandslos.
Die sorgfältig erhobenen Ergebnisse der Studie und die fundierten Schlussfolgerungen und daraus abgeleiten Forderungen der Untersuchenden beziehen sich zwar "nur" auf die Situation in NRW, sind aber ein eindeutiges und gut begründetes Plädoyer für eine verstärkten Förderung von Medienkompetenz auf allen Ebenen - auch in anderen Bundesländern.
Ich empfehle die Studie allen, die sich in diesem Feld engagieren und erinnere in diesem Zusammenhang an die schlichte Feststellung im gemeinsamen Beschluss der Jugendministerkonferenz und der Kultusministerkonferenz von 2004: "Entscheidend für die Wirksamkeit der Bildungspläne sind darauf abgestimmte Lehrpläne der Ausbildungsstätten...".

Hinweis:

Eine sechsseitige Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie steht als PDF-Dokument (69 KB) zum Download bereit:
http://www.lfm-nrw.de/downloads/medienkom-kiga-zusamm.pdf

Günter Thiele, 1.12.2007